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Kaum einem Körperteil wird soviel Beachtung geschenkt wie dem Kopf und den darauf wachsenden Haaren. Obwohl dem Haarkleid, außer einem Sonnenschutz für die Kopfhaut, heute keine lebenswichtige Funktion mehr zukommt, sollte seine große emotionale Bedeutung nicht unterschätzt werden.
Vor allem für Frauen zählt Haarausfall zu den seelisch belastendsten Gesundheitsstörungen. Das einzelne Haar durchläuft drei Entwicklungsphasen: Die Wachstumsphase (Anagenphase), die Übergangsphase (Katagenphase) und die Ruhephase (Telogenphase). Die Anagenphase dauert in der Regel 3 bis 6 Jahre. In dieser befinden sich etwa 85% aller Haarwurzeln. Die Katagenphase beträgt nur einige Tage, weshalb jeweils nur etwa 1% der Kopfhaare in diesem Entwicklungsabschnitt sind. Anschließend folgt die Telogenphase, in der sich etwa 15% der Haarwurzeln befinden. Sind die Haarwurzeln erst einmal in die Telogenphase eingetreten, gibt es kein zurück mehr, nach drei bis vier Monaten gehen sie unweigerlich aus und machen einem neuen Haar Platz. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass das Ereignis, welches einen diffusen Haarausfall (diffuse Alopezie) verursacht hat, in der Regel etwa ein Vierteljahr zurückliegt. Faktoren, die für dieses „telogene Effluvium“ verantwortlich sind, bewirken einen vorzeitigen Übergang von der Anagen- in die Telogenphase. Um den Ursachen auf die Spur zu kommen, muss deshalb gezielt nach länger zurückliegenden Ereignissen gefragt werden. Nur bei einer starken Schädigung, vor allem nach Chemotherapie, kommt es zu einem sehr raschen Ausfallen der Anagenhaare ohne Durchlaufen der Telogenphase. Diese diffuse Alopezie vom Frühtyp tritt innerhalb von wenigen Tagen bis zu drei Wochen nach der Behandlung auf. Die diffuse Alopezie kann unabhängig von Alter und Hormonspiegel auftreten. Typisch ist ein relativ rascher Beginn ohne besondere Lokalisation. Zählen Sie die ausgefallenen Haare, dann lässt sich die Diagnose leichter stellen. Die Zahl der täglich ausgehenden Haare beträgt bei der akut einsetzenden diffusen Alopezie meist mehr als 100. Fieberhafte InfekteTemperaturen über 39 Grad Celsius schädigen die Follikel und führen häufig 8 bis 10 Wochen später zu teilweise starkem Haarausfall. Ein totaler Haarverlust tritt nicht ein. Fragen Sie gezielt nach einem Infekt vor einem viertel Jahr. In der Regel kommt diese Art von Haarausfall nach einigen Monaten wieder von selbst zum Stillstand. Eine Therapie ist in der Regel nicht notwendig. Unterstützend können Biotintabletten (2,5 bis 5 mg/d) eingenommen werden. Haarausfall nach der EntbindungZwei bis drei, selten auch vier Monate nach der Entbindung bemerken fast alle Frauen einen etwas vermehrten Haarausfall. Während der Schwangerschaft befinden sich die Haarfollikel unter dem Östrogeneinfluss länger in der Anagenphase und treten nach der Entbindung vermehrt in die Telogenphase ein. Der Haarausfall tritt vor allem frontal und temporal auf, selten generalisiert. Bis zum spontanen Stillstand des Haarausfalls können bis zu 12 Monate vergehen. Zu einem totalen Haarverlust kommt es nie. Auch das Absetzen der Pille kann zwei bis vier Monate später zu einer diffusen Alopezie führen. Der Mechanismus ist vergleichbar mit dem Haarausfall nach der Entbindung. Unterstützend können 17-alpha-Estradiol-haltige Lösungen sinnvoll sein. Die Lösungen sind verschreibungspflichtig. Das synthetisch hergestellte Hormon bremst die Aktivität des Enzyms 5-alpha-Reduktase und hemmt die Bildung von Dihydrotestosteron (DHT). Dadurch kann 17-alpha-Estradiol das Haarwachstum regulieren und das hormonelle Gleichgewicht an der Haarwurzel wiederherstellen. Trotz seiner Östrogenstruktur greift der Hormonabkömmling auch bei Männern nicht in den Hormonhaushalt ein. EisenmangelVor allem bei Frauen ist Eisenmangel eine gar nicht so seltene Ursache des Haarverlustes. Bei Verdacht ist die Bestimmung bestimmter Laborwerte im Blut (Serumeisen und Ferritin) angezeigt. Nach einer vorübergehenden Einnahme von Eisentabletten wachsen die Haare wieder. Blutspende und DiätenAuch ein Eiweißmangel (Bestimmte Erkrankungen, strenge Diäten) kann zu einem vorzeitigen Eintritt der Follikel in die Telogenphase führen. Davon betroffen sind nicht nur schlanke oder untergewichtige Patientinnen. Auch Übergewichtige Menschen können durch eine (Null-)Diät Haare verlieren. Auch zu häufiges Blutspenden kann zu einem Eisen- und Eiweißmangel führen und dadurch bei manchen Menschen Haarausfall begünstigen. Durch Zufuhr geringer Eiweißmengen lässt sich in diesen Fällen die Alopezie stoppen. Medikamentöse AlopezieZahlreiche Medikamente können zu einer chronischen diffusen Alopezie führen. Eine ausführliche Medikamentenanamnese ist deshalb unerlässlich. Besonders häufig sind Vitamin A Präparate (Vitamintabletten) und deren Abkömmlinge (Retinoide), blutgerinnungshemmende Medikamente (v.a. Heparin) und die Pille schuld am dünnen Haar. Unter Pilleneinahme tritt der Haarausfall in der Regel während der ersten 4 bis 6 Einnahmezyklen auf. Manchmal klingen die Symptome bei weiterer Einnahme aber wieder von selbst ab. Verantwortlich für den Haarverlust ist hier wahrscheinlich der Gestagenanteil. Bei starken Beschwerden sollte ein anderes Präparat ausprobiert werden. Unterstützend sind 17-alpha-Estradiol-haltige Lösungen sinnvoll. SchilddrüsenerkrankungenSowohl Unter- als auch Überfunktionen (Hypo- und Hyperthyreose) können zu einem diffusen Haarausfall führen. Bei Unterfunktion sind die Haare meist stumpf, matt und brüchig. Liegt eine Schilddrüsenüberfunktion vor, wachsen die Haare zwar schnell, sie bleiben aber kurz und dünn, die Reißfestigkeit ist vermindert. Eine Kontrolle der Schilddrüsenfunktion sollte bei entsprechendem Verdacht durchgeführt werden. Weiterführende Literatur: Rook, Dawber: Haarkrankheiten, Diagnose und Therapie, Blackwell Wissenschafts-Verlag, 1995 Schell: Erkrankungen der Haare, Verlag W. Kohlhammer, 1997 |