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Die Deutschen werden jedes Jahr dicker

Jeder fünfte Deutsche hat eine Adipositas. Das bedeutet, er leidet an einem Überschuss von Körperfett. Das ist meistens damit gleichzusetzen: Er hat Übergewicht. "Die Zahl der Übergewichtigen nimmt in den westlichen Industrienationen stetig zu", erklären die Autoren Dr. Thomas Ellrott und Professor Volker Pudel in dem neu erschienenen Buch "Adipositastherapie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart)

Essverhalten der Menschen ist extrem stabil

Das Essverhalten der Menschen ist extrem stabil und zeitlich überdauernd. "Es ist sehr schwer an diesem über viele Jahrzehnte gewachsenen Erfahrungs- und Lernprozess etwas zu verändern." Ellrott und Pudel erklären: "Erfolgreich kann nur eine langjährige Therapie sein, in der sich umfassende diätetische Verhaltensregeln mit einer unterstützenden medikamentösen Therapie ergänzen." Ihre Strategie lautet: Kontrolle des Fett-, nicht aber des Kohlenhydratverzehrs, flexibles Essverhalten, regelmäßige physische Aktivität. Sie fordern, dass der Arzt in Zusammenarbeit mit Psychologen, Ernährungsfachkräften und Bewegungstherapeuten zur Behandlung der Adipositas ein kompetentes Team bilden sollte.

Sie stellen in ihrem Buch die unterschiedlichen Diäten vor, sprechen sich jedoch gegen alle rigiden Therapielemente aus. Langfristig seien beispielsweise Formula- oder auch Diabetiker-Diäten kontraproduktiv. "Non-Compliance in der Ernährungstherapie ist aus lerntheoretischer Sicht häufig eine Folge von zu hoch gesetzten Zielen, die nicht erreicht werden und dann zu Mißerfolgserlebnissen führen." Ellrott und Pudel empfehlen allen Medizinern, die in ihrer ärztlichen Tätigkeit mit dem wachsenden Problem Adipositas und ihren Folgeerkrankungen konfrontiert werden: "Stecken Sie erreichbare und realistische Ziele. Erstellen Sie einen Maßnahmenplan, in dem auch kleine Schritte berücksichtigt werden."

Nach dem Krieg ist der Fettkonsum der Deutschen zu Lasten der Kohlenhydrataufnahme gestiegen. Die "gute" Butter kam anstelle der bewährten Kartoffel auf den Tisch. Die Autoren empfehlen nicht mehr als 30 Prozent der täglichen Energie in Form von Fett zu sich zu nehmen. Tatsächlich beträgt der Fettanteil der Gesamtenergieaufnahme der Deutschen 40 Prozent. Folge daraus: Hierzulande müssten 15 Millionen adipöse Menschen behandelt werden.

"Adipositas bekommt ihren Krankheitswert durch die Vielzahl der Folgeerkrankungen, die damit einhergehen", erklären die beiden Wissenschaftler von der ernährungspsychologischen Forschungsstelle der Universität Göttingen. Eine Vielzahl von Erkrankungen treten bei Übergewichtigen häufiger auf als bei Menschen mit Normalgewicht. Dazu zählen beispielsweise Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkte, Gelenkerkrankungen, Atem- und Schlafstörungen, manche Krebsarten. Die schwedische "Göteburg Women`s Study" hat außerdem einen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Lungenembolie sowie ein erhöhtes Risiko des Hirninfarktes herausgefunden. Wahrscheinlich steigen auch Schwangerschaftskomplikationen mit zunehmendem Übergewicht; ebenso nimmt die Zahl der Augenleiden zu. Zu berücksichtigen sind außerdem die psychosozialen Auswirkungen: Dicke leiden häufiger an ängstlichen und depressiven Zuständen, die Lebenszufriedenheit und das Selbstwertgefühl ist im Durchschnitt geringer.

Diese Krankheiten kosten dem Gesundheitswesen im Jahr mehr als 100 Milliarden Mark. Das sind 30 Prozent aller Ausgaben für Gesundheit. "Obwohl ernährungsbedingte Krankheiten in den westlichen Industrieländern auf den vorderen Plätzen der Häufigkeitsskala rangieren, gilt Übergewicht nicht als Krankheit, deren Behandlung erstattungsfähig von den Krankenkassen übernommen werden muss", beklagen die Autoren, die sich seit Jahren in Forschung und Therapie der Adipositas engagieren. "Die Adipositas ist eine chronische Krankheit, die langfristig therapiert werden muss", fordern sie. Ellrott und Pudel halten die Verbesserung der ernährungsmedizinischen Versorgung für eines der wichtigsten gesundheitspolitischen Ziele. Dadurch ließe sich menschliches Leid und erhebliche Kosten vermeiden.


 

 

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