|
"Tiere sind meine Freunde. Und meine Freunde esse ich nicht“, erklärte der Schriftsteller Shaw auf die Frage, warum er kein Fleisch esse. Doch Tierliebe ist nur ein Motiv, um auf Schnitzel, Steaks und Würstchen zu verzichten. Religiöse, weltanschauliche oder gesundheitliche Gründe veranlassen immer mehr Menschen, sich vegetarisch zu ernähren. Auch die Angst vor Hormonen, Medikamenten, BSE-Erregern und anderen Krankheitskeimen im Fleisch hat schon vielen Konsumenten den Appetit auf tierische Nahrungsmittel verdorben. Der rückläufige Fleischverbrauch belegt diesen Trend. Immer mehr Verbraucher schränken den Fleischkonsum stark ein oder bevorzugen gar eine rein vegetarische Ernährung.
Vegetarier ist nicht gleich VegetarierDoch Vegetarier ist nicht gleich Vegetarier, zahlreiche Ernährungsformen werden unter dem Oberbegriff des Vegetarismus zusammengefasst. Während die Ovo-Lakto-Vegetarier auf Fisch und Fleisch verzichten, aber andere Nahrungsmittel tierischen Ursprungs wie Eier, Milch und Milchprodukte verzehren, essen Lakto-Vegetarier zwar keine Eier, nehmen aber Milcherzeugnisse zu sich. Veganer, eine besonders strenge Richtung der Vegetarier, verwenden hingegen überhaupt keine tierischen Produkte. Sie verzichten nicht nur auf Milch und Eier, sondern auch auf andere tierische Erzeugnisse wie Lederwaren, Honig und Wolle. Ihre Nahrung besteht nur aus pflanzlicher Kost. Rohköstler lehnen zudem noch die Verarbeitung der pflanzlichen Erzeugnisse wie Kochen, Dünsten oder Braten ab. Von Natur aus ist der Mensch allerdings nicht zum reinen „Pflanzenesser" bestimmt. Darm und Zähne entsprechen eher denen eines „Allesfressers". Unsere Eckzähne, inzwischen verkümmerte Reißzähne, sind zum Fleisch zerkleinern geeignet. Die Backenzähne hingegen sind typische Mahlzähne, die Pflanzen und Getreide verarbeiten können. Das legt die Vermutung nahe, dass dem Menschen etwas fehlen könnte, wenn er auf die übliche „Mischkost" verzichtet. Geschickt kombinieren und Mikronährstoffe ergänzenVegetarische Ernährung muss aber nicht automatisch, so die Meinung vieler Ernährungswissenschaftler, zu Mangelversorgung mit lebensnotwendigen Nährstoffen führen. Bei Ovo-Lakto-Vegetarieren liefern in der Regel Käse, Milch, Quark und Eier wichtige Eiweißbausteine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Bei der Zusammenstellung der Nahrung sollte auf biologisch hochwertige Eiweiße bzw. Eiweißkombinationen zurückgegriffen werden. Hochwertige Proteine und Proteinkombinationen enthalten ein umfangreiches Spektrum an Eiweißbausteinen (Aminosäuren). Durch geschickte Kombination von tierischem mit pflanzlichem Eiweiß zum Beispiel bei Kartoffelgerichten mit Quark und Käse oder durch die Zubereitung von Getreideflocken mit Milch oder Joghurt kann die Versorgung mit lebenswichtigen Proteinen optimiert und eine sehr gute biologische Wertigkeit erzielt werden, der Körper kann seinen Bedarf dann schon mit einer geringen Eiweißzufuhr decken (siehe Tabelle). Als Bezugspunkt wird Vollei angesehen, das mit einer biologischen Wertigkeit von 100 angegeben wird. Eine sehr eiweißarme Ernährung ist auf Dauer nämlich nicht ungefährlich. In diesem Fall greift unser Organismus nämlich sehr schnell auf das lebensnotwendige Eiweiß in den Speichern zurück und baut Muskulatur ab. Langfristiger Eiweißmangel kann sogar den Herzmuskel schädigen und so Leistungsfähigkeit und Gesundheit ruinieren
Eine ausschließlich vegane Ernährung kann allerdings den Bedarf an verschiedenen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen nicht immer sicher abdecken. Die besten Quellen für Eisen, Zink, Jod und Selen sind nun mal Fleisch und Fisch. Auch Kalzium ist in hohen Konzentrationen vor allem in Milchprodukten enthalten. Die strenge vegetarische Ernährung hat noch einen weiteren Schwachpunkt. Vitamin B12 ist darin oft nicht in ausreichender Menge enthalten. In einer taiwanesischen Untersuchung wurden 45 buddhistische Nonnen, die sich lacto-vegetabil ernährten mit 45 gleichaltrigen Personen verglichen, die auch Fleisch aßen. Die Nonnen nahmen mit ihrer vegetarischen Ernährung zwar normale Mengen Folsäure auf, aber nur 21 Prozent der in Taiwan üblichen Menge an Vitamin B12. Das unterschiedliche Ernährungsverhalten hatte auch Auswirkungen auf verschiedene Blutwerte. Die Vegetarierinnen wiesen im Blut deutlich mehr Folsäure, aber viel weniger Vitamin B12 als die Vergleichsprobanden auf. Von Vitamin B12 ist bekannt, das es Homocystein, einen Risikofaktor für Gefäßverkalkung, im Blut senken kann. Eine gute Vitamin B12 Quelle ist Fleisch. Durch den Vitamin B12 Mangel war der Homocysteinspiegel bei den vegetarischen Nonnen erhöht. Vorsicht Phytat!Erschwerend kommt noch hinzu, dass vor allem Getreideprodukte, rohes Obst und Gemüse den Stoff „Phytat" enthalten, der mit Eisen, Zink und Kalzium unlösliche Komplexe bildet und so deren Aufnahme in den Organismus behindert. Der Verzicht auf die Verarbeitung der Nahrung und ein ausschließlicher Verzehr roher Nahrungsmittel kann deshalb aus ernährungswissenschaftlicher Sicht durchaus kritisch sein. Zudem sind nicht alle Gemüsesorten roh bekömmlich und verträglich. Wer sicher gehen möchte, dass er trotz Verzicht auf Fleisch ausreichend mit lebenswichtigen Vitalstoffen versorgt ist, sollte regelmäßig ein Multivitaminpräparat mit Mineralstoffen und Spurenelementen zu sich nehmen. Mangelerscheinungen machen sich nämlich oft erst Jahre später bemerkbar. Ein Kalzium und Vitamin D Mangel kann zu einem vorzeitigen Verlust der Knochenmasse mit erhöhter Knochenbrüchigkeit führen. Ein Eisenmangel, der sich unter anderem durch Müdigkeit und Kurzatmigkeit bemerkbar macht, schränkt die sportliche Ausdauerleistung erheblich ein. Ein einfacherer Bluttest kann aber rasch Auskunft über die derzeitige Eisenversorgung liefern. Auch den Homocysteinspiegel sollten strenge Vegetarier, die keine Vitaminpräparate mit Vitamin B12 substituieren, kontrollieren lassen.
Prinzipiell überwiegen jedoch die günstigen Auswirkungen einer vegetarischen Ernährung. Inwieweit vegetarische Ernährung der Gesundheit nutzt oder schadet wird seit 1976 auch in einer großangelegten Vegetarier-Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg untersucht. Die Untersuchung konnte die Ergebnisse anderer internationaler Studien bestätigen. Demzufolge haben Vegetarier ein um 50% geringeres Risiko, an den sogenannten Zivilisationskrankheiten zu versterben. Herzinfarkt und Krebserkrankungen treten bei einer Ernährung mit einem hohen Anteil pflanzlicher Nahrungsmittel deutlich seltener auf.
Doch nicht nur das, was täglich auf den Teller kommt, scheint der Gesundheit der Vegetarier förderlich zu sein. Auch der typischen „vegetarischen Lebensweise" kommt offensichtlich eine wichtige Rolle zu. Vegetarier leben in der Regel bewusster. „Sie trinken weniger Kaffee sowie Alkohol und rauchen seltener; ihr Körpergewicht ist niedriger als bei Vergleichsgruppen," hat die deutsche Psychologin Prof. Dr. Gisla Gniech festgestellt.
Um von den gesundheitsfördernden Einflüssen der fleischfreien Kost zu profitieren ist demnach mehr notwendig, als der bloße Verzicht auf tierische Produkte. Zudem sollte sich jeder, der seine Ernährung umstellt, auch ein bisschen für ernährungswissenschaftliche Fragestellungen interessieren. Eine vegetarische „Pudding- und Schokoladen-Kost" ist der Gesundheit sicher noch weniger zuträglich, als der gelegentliche Genuss von Fisch und magerem Fleisch. Biologische Wertigkeit von EiweißkombinationenBiologische Wertigkeit verschiedener Nahrungsmittel(-Kombinationen)
Vollei und Kartoffel 137 Vollei und Milch 122 Vollei und Weizen 118 Bohnen und Mais 101 Vollei 100 Kartoffeln 90-100 Kuhmilch 84-88 Rindfleisch 83-92 Edamer Käse 85 SchweizerKäse 84 Soja 84 Reis 83 Roggenmehl 76-83 Grünalgen 81 Mais 72-76 Bohnen 73 Weizenmehl 59
Quelle: Kasper: Ernährungsmedizin und Diätetik, München |